Gewaltfreie Kommunikation: Eine Sprache, die verbindet

Gewaltfreie Kommunikation: Eine Sprache, die verbindet

In den Sechzigerjahren entwickelte der amerikanische Psychologe Marshall Rosenberg mit der Gewaltfreien Kommunikation, kurz GfK, ein neues Kommunikationskonzept als Reaktion auf die damalige amerikanische Bürgerrechtsbewegung. Denn er erkannte, dass in bestimmten Situationen, Kulturen und Religionen immer wieder auf verschiedene Strategien zur Konfliktbewältung zurückgegriffen haben, die eine gemeinsame Lösung nahezu unmöglich machten. Bereits in den Vierzigerjahren wurde Rosenberg als Junge mit jüdischen Wurzeln oft ausgegrenzt und nahm dies auch bei Menschen verschiedener Hautfarben in den USA wahr. Mit der Bürgerrechtsbewegung in den USA starteten nur wenige Jahre später massive Protestaktionen, um etwas gegen die damalige Form der Rassentrennung und die Diskriminierung von Afroamerikanern zu unternehmen. Diese Erlebnisse prägten Rosenberg so stark, dass er als Psychologe sein Hauptaugenmerk darauflegte, eine übergreifende, gewaltfreie Lösung und damit eine „gemeinsame Sprache“ für Konfliktsituationen zu finden.

Inspiriert wurde Rosenberg von seinem Lehrer Carl Rogers und Gandhis Theorien zur Gewaltlosigkeit. Mit der Gewaltfreien Kommunikation schaffte er zu seiner Zeit einen völlig neuen Ansatz, mit Auseinandersetzungen umzugehen. Einige Jahrzehnte lang bot er Seminare zu Gewaltfreier Kommunikation auf der ganzen Welt an und gründete 1984 das Zentrum für Gewaltfreie Kommunikation („Center for Nonviolent Communication“), das auch heute noch nach seinem Tod weitergeführt wird. Gewaltfreie Kommunikation wird nach wie vor in vielen Bereichen der Familien- und Psychotherapie, aber auch in Schulen, Beratungsstellen, Unternehmen und sogar in der Krisenkommunikation genutzt.

Was ist Gewaltfreie Kommunikation?

Rosenberg war der Ansicht, dass es bei vielen Konfliktsituationen immer wieder darum ging, welche Strategie die Beste zur Lösung sei, was automatisch mit Schuldzuweisungen einherginge. Außerdem würden wir in Konfliktsituationen häufig Vermeidungsstrategien wie Ignorieren oder Aussitzen nutzen, also Möglichkeiten, der Situation aus dem Weg zu gehen, aus Angst, unser Gegenüber zu verletzen. Rosenberg wollte daher eine „Methode zur Verbesserung des zwischenmenschlichen Miteinanders“ finden und ging davon aus, dass wir Menschen die Erfüllung unserer Bedürfnisse als oberstes Ziel sehen. Gewaltfreie Kommunikation setzt deshalb genau dort an: Welches Bedürfnis möchte ich mit meiner gewählten Strategie in einem Streit eigentlich erfüllen? Rosenberg wollte mit der Gewaltfreien Kommunikation erreichen, dass sich alte Muster wie Verteidigung, Rückzug oder Angriff auflösen, Widerstand und gewalttätige Reaktionen reduzieren und stattdessen Kompetenzen wie Wertschätzung, Aufmerksamkeit und Einfühlungsvermögen gestärkt werden, um so eine gewaltfreie Konfliktlösung finden zu können.

„Wenn wir unsere Bedürfnisse nicht ernst nehmen, tun es andere auch nicht.“

Rosenberg war der Meinung, die meisten zwischenmenschlichen Konflikte würden schnell eskalieren oder ließen sich nicht gewaltfrei lösen, weil die Bedürfnisse der Beteiligten falsch kommuniziert werden. Vor allem wertende und verurteilende Sprache seien häufig Auslöser für Eskalationen beim Streit. Gewaltfreie Kommunikation sollte den Menschen ermöglichen, in jeder Situation auf eine Art und Weise miteinander kommunizieren zu können, die lösungsorientiert ist und zu mehr Vertrauen, Klarheit und Freude in Gesprächen führt. Wertschätzung und Einfühlungsvermögen spielen dabei eine große Rolle, um sich in das Gegenüber hineinversetzen zu können und respektvoll zu bleiben.

Wie kann Gewaltfreie Kommunikation gelingen?

Die meisten Menschen haben gelernt, in einem Täter-Opfer-Muster zu denken. Es gibt immer einen „Schuldigen“ und einen „Unschuldigen“ Es sind genau diese Denkmuster, die dazu führen, dass sich das Gegenüber in einer Konfliktsituation entweder zurückzieht, weil es sich angegriffen fühlt, oder selbst „angreift“, wodurch jede weitere Kommunikation versperrt wird. Diese Kommunikationssperren — dazu gehören zum Beispiel belehren, beschimpfen, befehlen, warnen, predigen, drohen, ablenken, beschämen und urteilen — gilt es zu vermeiden. Doch wie können Sie dies nun während eines Streitgesprächs konkret umsetzen? Hierfür hat Marshall Rosenberg vier Schritte als Leitfaden festgelegt:

1. Beobachtung

Bevor Sie etwas tun oder sagen, sollten Sie zunächst einmal wahrnehmen und beobachten. Versuchen Sie die momentane Situation ohne jegliche Interpretation und ohne Vorwürfe oder Schuldzuweisungen zu beschreiben, um den Ursprung der Aussagen in einem Gespräch verstehen zu können: Was sehe oder höre ich? Was nehme ich wahr?

Beispiel 1

Aussage: “So ein Saustall. Bitte räum dein Zimmer auf, da kann man ja nicht mal mehr durchlaufen.“ Beobachtung: “Der Boden in diesem Zimmer ist voller Spielzeug.“

Beispiel 2

Aussage: “Du ignorierst mich schon wieder." Beobachtung: “Als ich heute nach Hause kam, hast du mich nicht begrüßt und bist direkt in dein Zimmer gegangen. Das war auch die letzten drei Tage so.“

2. Gefühl

Nun identifizieren Sie die verknüpften Emotionen hinter Ihrer Beobachtung und benennen sie so konkret wie möglich, zum Beispiel „Ich bin traurig“ oder „Deine Aussage hat mich verletzt“. Dabei versuchen Sie möglichst, den Fokus von Ihrem Gegenüber wegzulenken und nur auf sich selbst zu schauen. Stellen Sie sich dabei eine Art Scheinwerfer oder den Strahl einer Taschenlampe vor, der nur auf Sie gerichtet ist und Ihre Emotionen beleuchtet.

Beispiel 1

Aussage: “So ein Saustall. Bitte räum dein Zimmer auf, da kann man ja nicht mal mehr durchlaufen.“

Beobachtung: “Der Boden in diesem Zimmer ist voller Spielzeug.“

Gefühl: „Ich fühle mich unwohl, wenn der Boden voller Sachen ist und man nicht sehen kann, wo man hintritt. Du könntest dich verletzen.“

Beispiel 2

Aussage: “Du ignorierst mich schon wieder."

Beobachtung: “Als ich heute nach Hause kam, hast du mich nicht begrüßt und bist direkt in dein Zimmer gegangen. Das war auch die letzten drei Tage so.“

Gefühl: „Ich bin enttäuscht und ein wenig gekränkt.“

3. Bedürfnis

Aus diesem Gefühl leiten Sie jetzt das Bedürfnis ab, welches dahintersteckt. Überlegen Sie genau und horchen Sie in sich hinein, was Sie wirklich zum Ausdruck bringen möchten — oder auch Ihr Gegenüber.

Beispiel 1

Aussage: “So ein Saustall. Bitte räum dein Zimmer auf, da kann man ja nicht mal mehr durchlaufen.“

Beobachtung: “Der Boden in diesem Zimmer ist voller Spielzeug.“

Gefühl: „Ich fühle mich unwohl, wenn der Boden voller Sachen ist und man nicht sehen kann, wo man hintritt. Du könntest dich verletzen.“

Bedürfnis: „Mir ist es wichtig, dass zumindest der Boden freigeräumt ist, damit nichts herumliegt, auf das du drauftreten und dich dabei verletzen könntest.“

Beispiel 2

Aussage: “Du ignorierst mich schon wieder."

Beobachtung: “Als ich heute nach Hause kam, hast du mich nicht begrüßt und bist direkt in dein Zimmer gegangen. Das war auch die letzten drei Tage so.“

Gefühl: „Ich bin enttäuscht und ein wenig gekränkt.“

Bedürfnis: „Mir ist der Austausch mit dir wichtig.“

4. Bitten/Handeln

Wenn Ihnen das Bedürfnis klar ist, können Sie mit Ihrem Gegenüber ganz anders kommunizieren, denn Sie wissen jetzt, was der Kern Ihres Gesprächs ist. Sie können daraus beispielsweise eine klare Bitte formulieren, statt einen Vorwurf zu machen, zum Beispiel „Könntest du bitte versuchen, beim nächsten Mal pünktlich zu sein?“ anstelle von „Du kommst immer zu spät!“ Sie können auch schon konkrete Handlungsschritte oder Strategien zur Lösung entwickeln — und diese können sich auch an Sie selbst richten. Überlegen Sie auch: Was möchte oder kann ich selbst tun, um die Situation zu verbessern? Dabei haben Sie zahlreiche Handlungsoptionen. Sie können zum Beispiel eine Bitte äußern, sich mitteilen, einfach zuhören, eine Lösung vorschlagen, etwas entscheiden, mitfühlen oder auch entscheiden, nichts zu tun.

Beispiel 1

Aussage: “So ein Saustall. Bitte räum dein Zimmer auf, da kann man ja nicht mal mehr durchlaufen.“

Beobachtung: “Der Boden in diesem Zimmer ist voller Spielzeug.“

Gefühl: „Ich fühle mich unwohl, wenn der Boden voller Sachen ist und man nicht sehen kann, wo man hintritt. Du könntest dich verletzen.“

Bedürfnis: „Mir ist es wichtig, dass zumindest der Boden freigeräumt ist, damit nichts herumliegt, auf das du drauftreten und dich dabei verletzen könntest.“

Mögliche Handlung: eine Bitte äußern, zum Beispiel indem Sie sagen: „Ich möchte dich bitten, deine Spielzeuge vom Boden in die Kiste zu räumen, so ist es für uns leichter, zu sehen, wo wir hintreten.“

Beispiel 2

Aussage: “Du ignorierst mich schon wieder."

Beobachtung: “Als ich heute nach Hause kam, hast du mich nicht begrüßt und bist direkt in dein Zimmer gegangen. Das war auch die letzten drei Tage so.“

Gefühl: „Ich bin enttäuscht und ein wenig gekränkt.“

Bedürfnis: „Mir ist der Austausch mit dir wichtig.“

Mögliche Handlung: Zuhören; zum Beispiel indem Sie fragen: "Wie erlebst du den Moment, wenn ich nach Hause komme?"

Rosenbergs Faustformel für Gewaltfreie Kommunikation:

„Wenn ich a sehe (Beobachtung), dann fühle ich b (Gefühl), weil ich c brauche (Bedürfnis). Deshalb möchte ich jetzt gern d (Bitte).“

Diese vier Schritte bewirken, dass Sie in einer Konfliktsituation innerlich einen Schritt zurücktreten und sich bewusst machen, worum es Ihnen und Ihrem Gegenüber wirklich geht und welche Bedürfnisse beide Seiten haben, ohne dass die Situation eskaliert. Daraus entwickelt sich langfristig wiederum eine völlig neue Bewusstseinsqualität und ein Gefühl der Wertschätzung. Sie lernen langfristig, Situationen und Gefühle neutraler wahrzunehmen, vorurteilsfrei und auf Augenhöhe zu kommunizieren, sich nach außen hin besser auszudrücken und anders zuzuhören.

Wie kann ich Gewaltfreie Kommunikation im Alltag anwenden?

Wie man bereits an den beiden Beispielen oben erkennt, kann Gewaltfreie Kommunikation grundsätzlich in jeder Konfliktsituation angewendet werden, egal ob im familiären Rahmen, in der Schule oder im Arbeitsumfeld, mit Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen. Sie kann Ihnen zum Beispiel als Eltern helfen, im Familienalltag Konflikte mit Ihrem Partner und besonders mit Ihren Kindern leichter zu klären und besser zu verstehen, was sie in bestimmten Situationen brauchen und wollen. Gleichzeitig können Sie Ihren Kindern vorleben, wie man Konflikte gewaltfrei lösen kann. So können sie lernen, mit Gleichaltrigen oder Lehrkräften in der Schule richtig zu kommunizieren und ihre Bedürfnisse offener mitzuteilen.

Bei der GfK gilt wie bei allem: Übung macht den Meister. Sie müssen nicht gleich alles nach Lehrbuch beherrschen, denn Gewaltfreie Kommunikation zu beherrschen braucht einige Zeit und auch ein wenig Mut. Zu Beginn können die vier Schritte vor allem als Unterstützung in Streitsituationen als „Reminder“ dienen, sich über das eigentliche Bedürfnis in solchen Situationen bewusst zu werden und nicht von Emotionen und Vorwürfen überwältigt zu werden. Nehmen Sie sich in der nächsten Streitsituation einmal einen Moment Zeit zum Durchatmen und Versuchen Sie, die vier Schritte im Kopf — oder wenn Sie mögen, sogar auf Papier — durchzugehen und Ihre Bedürfnisse und Gedanken offen und sachlich zu kommunizieren.

60-minütiges Webinar zu Gewaltfreier Kommunikation

Sie möchten tiefer in das Thema einsteigen und lernen, wie man Gewaltfreie Kommunikation in der Familie anwenden kann? famPLUS bietet ein firmenübergreifendes Webinar zum Thema „Verstehen und verstanden werden — Gewaltfreie Kommunikation in Familien“ an. Dabei lernen Sie, im Umgang mit Ihren Kindern konstruktiv zu kommunizieren, Bedürfnisse zu erkennen und richtig auszudrücken. Sprechen Sie gern Ihren Arbeitgeber darauf an, dass Sie Interesse hätten, an unserem Webinar teilzunehmen.

von Esther Marake (zuletzt aktualisiert am 29.11.22)

 

Quellen

Gewaltfreie Kommunikation – Gewaltfreie Kommunikation. (o. D.). Abgerufen am 21. Oktober 2022

Gewaltfreie Kommunikation kann Kinder motivieren. (o. D.). Online abgerufen am 9. November 2022

Die 4 Schritte der Gewaltfreien Kommunikation (GfK). (11. April 2022). Online abgerufen am 9. November 2022

Gewaltfreie Kommunikation: Kindgerecht zur Giraffensprache. (o. D.). Online abgerufen am 9. November 2022

Lorenz, Susanne: Gewaltfrei kommunizieren - das bedeutet es wirklich. (12. September 2022). Online abgerufen am 9. November 2022

Doyle, C. (2021, 8. Oktober). Gewaltfreie Kommunikation: Im Streit die richtigen Worte finden. geo.de. Abgerufen am 21. Oktober 2022

 

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Bei Fragen rund um die Themen „Gewaltfreie Kommunikation“, Erziehung und Pädagogik sowie Elternzeit und Elterngeld können Sie sich außerdem jederzeit an uns wenden. Wir beraten Sie gerne zu Ihrer individuellen Situation unter 089/8099027-00. Unsere Beratung steht allen Mitarbeitern unserer Kooperationspartner zur Verfügung.

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