Schuldgefühle bei pflegenden Angehörigen - Und wer bin eigentlich ich?

Schuldgefühle bei pflegenden Angehörigen - Und wer bin eigentlich ich?

Bin ich eine pflegende Angehörige? Ist das, was ich tue, überhaupt pflegen? Lange Zeit habe ich diese Fragen verneint. Ich habe Worte wie „helfen“ und „unterstützen“ gewählt, um zu beschreiben, was ich tue. Lange habe ich mich „nur“ als Tochter einer Mutter mit Alzheimer gesehen – und das, obwohl ich mich von Anfang gekümmert habe. Zu Beginn habe ich viel Recherche übernommen, nach medizinischen Fragen und nach Unterstützungs- und Beratungsangeboten, und zu größeren Arztterminen, etwa zum Neurologen, begleitet. Langsam, aber stetig wurde meine Unterstützung immer mehr.

Viele Angehörige rutschen schleichend in das Pflegen hinein, so wie es auch mir ging. Die Aufgaben werden umfangreicher, die Unterstützung dauert länger. Eine fortschreitende Krankheit wie Alzheimer ist auch ein Prozess, oft über viele Jahre. Meine Mama benötigte immer mehr Unterstützung, Betreuung und Pflege – und es sind zunächst die Angehörigen, die dies übernehmen. Stück für Stück haben mein Bruder und ich meinen Papa Aufgaben abgenommen, mittlerweile sind wir fest eingebunden. Um vieles kümmern wir uns aus der Ferne, und so oft es geht, sind wir vor Ort. Ich helfe meinen Eltern gerne, aber doch ist es ein Spagat.

Genau hinsehen lohnt sich

Dieser schleichende Verlauf hat auch etwas Gutes, denn so hat man Gelegenheit, Dinge zu lernen und sich mit anderen Menschen auszutauschen. Allerdings birgt es auch die Gefahr, dass man gar nicht mehr wahrnimmt, wie viele Aufgaben man bereits übernommen hat und wie viel Zeit und Energie dieses Pflegen überhaupt kostet. Jeder, der sich um einen pflegebedürftigen Angehörigen kümmert, weiß: Die körperliche Pflege ist nur ein kleiner Teil der Aufgaben. Zum Pflegen gehört es genauso, Termine und Therapien zu organisieren, mit der Pflege- und Krankenversicherung zu kommunizieren und natürlich auch alle Tätigkeiten im Haushalt.

Sind Sie sich all Ihrer Aufgaben bewusst? Wissen Sie, was Sie alles leisten? Ich wusste es lange nicht. Und auch als, die Aufgaben immer mehr wurden, habe ich sie nicht klargesehen. Manchmal habe ich ganze Vormittage damit verbracht, einem Arzt hinterher zu telefonieren, damit ich ein Rezept bekomme, das der Pflegedienst benötigt (und zum Glück selbst abholt).

Es lohnt sich also, genauer hinzusehen und zu hinterfragen: Welche Tätigkeiten übernehme ich bereits? Wie häufig mache ich sie? Was ist meine Rolle in diesem Pflege-Netzwerk?

Ehrlich sein mit sich selbst

Nach einer ersten Bestandsaufnahme hilft es, sich genauer damit zu beschäftigen. „Ich schaffe das schon“, war immer mein Motto und so wurde ich erzogen. Natürlich versprach ich meinen Eltern dies und jenes zu erledigen, weil ich sie gerne unterstützen wollte. Ich spürte, dass sie Unterstützung benötigen und fuhr häufiger zu ihnen. Doch dann kam ich von einer Care-Situation (mit meinen Kindern) zu einer anderen Care-Situation (mit meiner an Alzheimer erkrankten Mutter), oft ohne Zeit zum Durchatmen. Ich habe versucht die To-Do-Liste abzuarbeiten, aber irgendwie fand die nie ein Ende. Wie denn auch, wenn die Erkrankung fortschreitet und die Aufgaben für die Angehörigen stetig zunehmen? Wie es mir damit ging, darauf habe ich nicht geachtet.

Die Folge war: Ich war oft unzufrieden, müde und gereizt. Zudem waren da diese Schuldgefühle. ‚Ich müsste mehr für meine Mama da sein‘, dachte ich häufig. Ich fühlte mich mitunter, als hätte ich versagt – und dass, obwohl ich doch jede Menge leistete. Ich war in die Falle getappt, in die viele pflegende Angehörige geraten. Man gibt mehr als man kann und geht oft über seine Grenzen, weil man unrealistische Erwartungen an sich selbst hat.

Sich selbst wertschätzen und großmütig sein

Ich wollte die perfekte Tochter sein – und mich perfekt um meine Mama kümmern. Aber erstens ist die Betreuung und Pflege eines Menschen mit Demenz fordernd und braucht ein Netz an Helfenden und Pflegenden. Und zweitens war ich ja nicht nur Tochter. Ich dachte, ich könnte das Pflegen zusätzlich übernehmen und die Aufgaben nebenbei erledigen. Klar, das war eine Illusion! Neben meiner Mutter waren da meine Kinder, mein Beruf und der Haushalt und all das brauchte Zeit. Es war also an der Zeit, mich ehrlich zu fragen, was meine Rolle war und wie es mir damit ging. Mir einzugestehen, dass meine Erwartungen an mich unrealistisch sind. Es war Zeit, mit mir großmütiger zu werden und wertzuschätzen, was ich alles leistete.

Es kann hilfreich sein, sich aufzuschreiben, wie es einem wirklich in der aktuellen Pflegesituation geht. Wie sehr belastet die Pflege oder Begleitung eines Angehörigen? Was genau ist so anstrengend? Untersuchungen zeigen, dass pflegende Angehörige hoch belastet sind. Besonders Angehörige von Menschen mit Demenz stehen unter Stress. Die Corona-Pandemie hat all das noch verschärft, wie eine Studie des Zentrums für Qualität in der Pflege zeigt.

Manchmal fällt es schwer, all das zu sehen und reflektieren, wenn man mitten in der Situation steckt. Eine einfache Methode, um etwas Abstand zu gewinnen, ist sich selbst einen Brief zu schreiben. So nimmt man automatisch eine übergeordnete Position ein. Hin und wieder schriebe ich Briefe an mich, so wie ich es an eine liebe Freundin schreiben würde – und erst dabei fällt mir auf, wie viel ich bereits tue. Mein Rat an mich ist dann häufig: Achte mehr auf dich!

Was Schuldgefühle und andere belastende Gefühle mitteilen wollen

Schuldgefühle sind nicht nur nervige Gefühle. Sie können dauerhaft belasten und die Pflege-Beziehung erschweren. Werden Schuldgefühle nicht bearbeitet, können sie auf andere Menschen oder Situationen übertragen werden. Manche Menschen reagieren mit Frust und Wut, andere werden traurig und erleben depressive Verstimmungen.

Diese subjektiven Schuldgefühle treten häufig dann auf, wenn die eigenen Bedürfnisse nicht erfüllt werden. Zu hohe Erwartungen fördern sie ebenfalls. Beides kenne ich aus eigener Erfahrung. Ich habe auf meine pflegebedürftige Mama geschaut und versucht, sie so viel wie möglich zu unterstützen, aber auf mich habe ich nicht geschaut. Ich kannte meine Grenze nicht, habe mein Bedürfnis nach Ruhe nicht ernstgenommen – und auch nicht anderen mitgeteilt. Ich wollte alles richtig machen und dachte ja, dass ich das schon irgendwie schaffe. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich gespürt und verstanden habe, dass das gar nicht geht und mich meine Situation fordert und manchmal auch überfordert. Mir hat die folgende Frage geholfen: Was erwarte ich von mir und wie realistisch ist das?

Es braucht Mut und Zeit, sich mit der eigenen Rolle zu beschäftigen. Es kann sein, dass es traurig macht, weil es zwingt, sich mit der Krankheit des Angehörigen und deren weiteren Verlauf zu beschäftigen. Und es kann traurig machen, weil man realisiert, dass man sich verabschieden muss, von Hoffnungen, Erwartungen und Wünschen. Und doch ist dieser Blick wichtig, denn so kann auch Neues entstehen. Mir hat es gutgetan, all das nicht allein klären zu müssen. Beratungsgespräche, der Austausch mit anderen Angehörigen und auch guten Freundinnen ist da Gold wert. Auch eine Therapie oder ein Coaching können helfen, die eigene Situation zu sehen und die eigene Rolle zu klären.

Die eigenen Grenzen setzen und auch Nein sagen

„Man kann nur gut pflegen, wenn es einem selbst gut geht.“ – Diesen Satz habe ich viele Male gehört, aber richtig verstanden habe ich ihn erst vor kurzem. Wenn ich übermüdet, überfordert und dauernd gereizt bin, wie soll ich mich dann gut um meine Mama kümmern?

Ich kann Gutes tun – und dafür muss es mir gut gehen. Eine der wichtigsten Fragen, die pflegende Angehörige sich stellen sollten, ist daher: Was gibt mir Kraft? Was kann ich mir Schönes tun? Wo liegt meine Grenze? Nein, das ist nicht egoistisch. Es ist dringend notwendig, um auf Dauer pflegen zu können. Es müssen keine großen Auszeiten sein, aber es ist wichtig, Dinge zu tun, die einen durchatmen lassen und die Anspannung lösen. Mal in Ruhe mit einer Tasse Tee am Fenster stehen und eine kleine Gedankenreise machen. Mir abends Zeit nehmen, um in einem Buch zu lesen. Und in jedem Fall hilft es, auch mal Nein zu sagen. Die eigenen Grenzen finden und sie zu wahren. Klar, manche Dinge müssen erledigt werden. Aber muss es immer jetzt sofort sein? Kann es jemand anders erledigen? Pflegen braucht ein Netzwerk und Flexibilität. Aufgaben und Zuständigkeiten dürfen sich verändern.

Autorin: Peggy Elfmann (04.11.22)

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